Die Geschichte des Mutige-Mädchen-Programms

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MUTIGE MÄDCHEN ist ein Programm zur Prävention sexualisierter Gewalt, ursprünglich entstanden aus einem praxisorientierten Begleitseminar im Rahmen des maßgeblich vom Philosophen Peter Kalinowski entwickelten LEHRMODULS GEWALT-PRÄVENTION an der Universität Freiburg. Was vor etwa zehn Jahren als fruchtbare Verknüpfung von theoretischer Lehre und praktischer Umsetzung begann, ist inzwischen zu einem für verschiedene Schultypen und Klassenstufen standardisierten Curriculum geworden und das wissenschaftlich am besten untersuchte Programm gegen sexualisierte Gewalt im deutschsprachigen Raum. Dies ist vor allem der Ehefrau des Begründers, der Psychologin Lynn Kalinowski, zu verdanken, die das Programm heute leitet.



Von Beginn an…

Die Wurzeln des Programms reichen bis in die 1990er Jahre zurück. Zu dieser Zeit fanden vor allem Wochenendkurse zur Selbstverteidigung für Frauen statt, die nach externen Anfragen, unter anderem von Krankenkassen, beim Initiative Karatekunst e.V. von Peter Kalinowski initiiert und teilweise auch geleitet wurden. Schon damals zeigte sich, dass die alleinige Vermittlung von körperlichen Abwehrtechniken durch einen Kampfkunstexperten jedoch den Bedürfnissen der teilnehmenden Frauen nicht gerecht wird und zumindest eine Frau als Vorbild und Gesprächspartnerin hinzugezogen werden muss. Zu diesem Zeitpunkt bildeten sich bereits die ethischen Standards heraus, auf denen das Mutige-Mädchen-Programm noch heute basiert. Nachdem dann die Kursleitung mehr und mehr in die Hand von Frauen übergeben wurde, bekam die psychische Stärkung der Teilnehmerinnen ein immer größeres Gewicht in den in Zwischenzeit bereits auf mehrere Termine verteilten, wöchentlich stattfindenden Kursen.


2006:

Im Jahr 2006 fixierten Judith Stern und Peter Kalinowski dann den Namen „Mutige Mädchen“ in Verbindung mit erstmalig direkt an Freiburger Schulen stattfindenden und absolut kostenfreien Kursen. Ungefähr zur selben Zeit wurden die ersten Schlagpolster und weitere Materialien für Gruppen von bis zu 30 Schülerinnen angeschafft. Mit dem zunehmenden Erfolg der Kurse, war es nun allerdings nicht mehr möglich, das kostenfreie Angebot aufrechtzuerhalten, woraufhin verschiedene Finanzierungsmodelle konzipiert und erprobt wurden. Bis heute sind individuell zu bezahlende Beiträge weder in vollem Umfang noch grundsätzlich Voraussetzung für die Teilnahme eines Mädchens, sodass Mädchen weiterhin immer auch kostenfrei teilnehmen können.


2007/2008:

Auch forderte der Anspruch, die Wirksamkeit des Projekts zu optimieren und nachzuweisen, forderte dann eine enge Verknüpfung mit der Wissenschaft. In diesem Zusammenhang wurde im Wintersemester 2007/08 das Projektseminar „Gewaltprävention an Schulen – Modelle für die Sekundarstufe“ am Institut für Soziologie der Universität Freiburg in einem umfassenden Lehrmodul zum Thema „Gewaltprävention“ verankert. Hier wurden wichtige theoretische Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung des Mutige-Mädchen-Programms erarbeitet und insbesondere dadurch, dass eine Reihe regionaler Angebote zur Prävention sexualisierter Gewalt unter die Lupe genommen wurde, konnten Schwierigkeiten antizipiert und zu einem Großteil im selbst aufgelegten Programm von vornherein vermieden werden. Insbesondere im Rahmen des Kolloquiums „Macht–Gewalt–Aggression“ präsentierten ExpertInnen verschiedener Fachrichtungen ihre Erfahrungen und Forschungsergebnisse, wodurch ein fruchtbarer Austausch zwischen den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (z.B. Kriminologie, Medizin und Psychologie) sowie Vertretern der Praxis (z.B. Polizei und Erlebnispädagogik) entstehen konnte, vor dessen Hintergrund das Mutige-Mädchen-Programm zunehmend an Profil gewann.


2010:

So entstanden zum einen die „Standards und Perspektiven des Mutige-Mädchen-Programms zur Prävention sexualisierter Gewalt“ (Kalinowski & Kalinowski, 2010) und zum anderen konnten immer mehr konkrete Übungsformen ins Curriculum des psychologisch-pädagogischen Programmteils eingegliedert werden. Dies ging einher mit der zunehmenden begrifflichen und inhaltlichen Differenzierung der Bereiche Selbstbehauptung und Selbstverteidigung, wobei seither den beiden Kursteilen entsprechend immer zwei Lehrkräfte gemeinsam für die Durchführung eines Kurses verantwortlich sind. Dabei liegt die Öffnung des Zugangs zum eigenen Energiepotential z.B. an Schlagpolstern neben der Vermittlung körperlicher Abwehr¬strategien in der Verantwortung der einen Lehrperson, während die andere im Selbstverteidigungsteil zwar unterstützend anwesend ist, bestimmungsgemäß jedoch die psychologischen Strategien der Selbstbehauptung im Rahmen des Kurses vertritt.


2012-2014:
Seit Mitte des Jahres 2012 fanden fast alle Kurse unter Rückbezug auf den Kursleitfaden für Siebtklässlerinnen (Kalinowski, 2012) im Rahmen des regulären Schulunterrichts statt. Mit diesem ausführlichen Manual zur Darstellung des Kursablaufs sind Nachvollziehbarkeit und Transparenz gegenüber allen Beteiligten gewährleistet. Außerdem liegen seither alle notwendigen Materialen, wie beispielsweise Arbeitsblätter und Handouts zur Durchführung der Kurse und Workshops sowie Übungsanleitungen für Kursleiterinnen vor, sodass auch ein hoher Grad an Standardisierung erreicht ist. In Ergänzung des Kursleitfadens für Schülerinnen der Sekundarstufe, wurde auch ein Programm für Grundschülerinnen konzipiert, entsprechende Materialien erstellt und ein weiterer Kursleitfaden veröffentlicht (Kalinowski, et al., 2013). In der dritten Grundschulklasse geht es vor allem darum, das Selbstwertgefühl der Mädchen allgemein zu stärken und sie dazu zu befähigen, Grenzüberschreitungen als solche zu erkennen und diese klar zurückweisen zu können. Seit Anfang des Jahres 2014 konnten nun zunehmend Institutionen als UnterstützerInnen gewonnen und die Vernetzung mit lokalen Einrichtungen vorangetrieben werden.


Aktueller Stand des Mutige-Mädchen-Programms

Heute ist das Programm „Mutige Mäd¬chen – Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Schülerinnen weiterführender Schu¬len“ zur Prävention sexualisierter Gewalt primär psychologisch ausgerichtet und soll vor allem das Selbst¬wertgefühl und die Selbstwirksamkeitserwartungen von Mädchen stärken sowie die Ängste, die mit potenziellen sexuellen Übergriffen einhergehen, konstruktiv bearbeiten. Daneben klären wir die Mäd¬chen über das Phänomen sexualisierter Gewalt auf und vermitteln ihnen körper¬liche Abwehrtechniken, die geeignet sind, einen sexuellen Übergriff möglichst schon im Ansatz zu vereiteln. Dabei ist entscheidend, dass die körperliche Dimension, die beim Üben dieser Verteidigungsaktionen angesprochen und herausgefordert wird, nicht nur auf spe¬zielle Selbstverteidigungssituationen bezogen bleibt, sondern auch mit einer allgemeinen Stär¬kung des Selbst einhergeht. Das Körperpräsenz®-Konzept bildet dabei die systematische Grundlage, Körperkommunikation substanziell zu verankern. Hier sollen der Körperausdruck und das Verhalten der Mädchen, die im Vorfeld eines körperlichen Übergriffs ausschlaggebend ist, auf eine qualitativ andere Basis gestellt werden, um eine Viktimisierung effektiv zu vermeiden.

Für die vorliegende Wirksamkeitsstudie konnten durch intensiven Kontakt mit lokalen Institutionen, vermehrte Öffentlichkeitsarbeit und Koordinationstätigkeiten im Jahr 2013 noch vor Beginn des Schuljahres 2013/14 alle weiterführenden Schulen der Städte Waldkirch und Emmendingen als feste Kooperationspartner gewonnen werden. Mit Beginn des vergangenen Schuljahres wurde das Mutige-Mädchen-Programm flächendeckend an Werkrealschulen, Realschulen und Gymnasien in die Lehrpläne der siebten Klassen implementiert und auch die Finanzierung der Mutige-Mädchen-Kurse an diesen Schulen ist für den Zeitraum von drei Jahren gewährleistet. Damit ist nun der Übergang zwischen Pilotphase mit Modellcharakter und endgültiger Professionalisierung gelungen. In diesem Zuge verlagert sich auch der Fokus des wissenschaftlichen Zugangs von der Grundlagenarbeit über ethische Standards (Philosophie) und Gewaltprävention als gesellschaftlichem Anliegen (Soziologie) zunehmend auf die Betrachtung der Theoriebasis, der konkreten Arbeit mit Mädchengruppen und der Evaluation (Psychologie).