Mutige Mädchen

Leitlinien

Die Leitlinien des Mutige-Mädchen-Programms zur Prävention sexualisierter Gewalt umfassen folgende Punkte:

  • 1. Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist in unserer Gesellschaft leider allgegenwärtig. Die Gefährdung Opfer zu werden, begleitet Frauen – weit mehr als Männer – ein Leben lang. Prävention sexualisierter Gewalt ist daher ein wichtiges gesellschaftspolitisches Anliegen,das außergewöhnlicher Anstrengungen insbesondere im Bildungskontext bedarf. Die Schule hat hierbei eine herausragende Bedeutung, weil nur hier systematisch Angst und Mutlosigkeit frühzeitig entgegengesteuert werden kann. In bestimmten Klassenstufen unserer Schulen, in denen die Wirksamkeit der Maßnahmen als besonders hoch einzustufen ist, sollten dringend wissenschaftlich fundierte Präventionsprogramme implementiert werden. Solch wichtige Inhalte der leiblich-emotionalen Bildung müssen fester Bestandteil unseres Bildungskanons werden, damit sie nicht – wie bei fakultativen Anliegen – immer wieder von Neuem an jeder einzelnen Schule kommuniziert und Bedingungen für eine Umsetzung erst geschaffenen werden müssen. Auch wird so vermieden, dass zusätzliche Kosten für die Mädchen bzw. ihre Familien anfallen, wenn sie an einem solchen Programm teilnehmen.
    • → Umsetzung der Implementierung im Sinne der difG-Standards für Präventionsprogramme ——————————————————————————————————————————————–
  • 2. Jedes Mädchen in der betreffenden Altersgruppe soll die Möglichkeit zur Teilnahme an einem Präventionsprogramm haben, damit kein Ausschluss von Mädchen erfolgt,
    • die selbst bzw. deren Familien nicht für das Thema sensibilisiert sind.
    • die keinen Zugang zu Vereinen oder Einrichtungen haben, in denen das Thema sexualisierte Gewalt und deren Prävention angegangen wird.
    • deren Eltern nicht in der Lage oder bereit sind, einen Unkostenbeitrag zu tragen.
    • die Opfer häuslicher Gewalt (Hochrisikogruppe) sind und deren Familien deshalb (fakultative)Maßnahmen der Gewaltprävention nicht unterstützen – insbesondere dann, wenn sie das Anliegen selbst vorab im häuslichen Kontext vorbringen und vertreten bzw. sogar noch um die Übernahme einer Kursgebühr bitten müssen.
    • die eher zurückhaltend agieren bzw. wenig Eigeninitiative zeigen (Hochrisikogruppe).
    • → Umsetzung der Zugänglichkeit im Sinne der difG-Standards für Präventionsprogramme*

  • 3. Das Mutige-Mädchen-Programm ist speziell für Schulen konzipiert, insbesondere, weil hier durch die allgemeine Schulpflicht quasi alle Schülerinnen erreicht werden und eben nicht nur solche, die selbst bzw. deren Familien ohnehin schon für das Thema sensibilisiert sind oder die Zugang zu Vereinen oder Einrichtungen haben, in denen das Thema sexualisierte Gewalt und deren Prävention angegangen wird.
    • → Umsetzung der Breitenwirkung im Sinne der difG-Standards für Präventionsprogramme*

  • 4. Das Programm wird grundsätzlich monoedukativ durchgeführt, um potentielle weibliche Opfer in diesen sensiblen Lehr-Lern-Umfeld nicht dem Beisein von “potentiellen Tätern“ männlichen Geschlechts auszusetzen, denn im Gegensatz zu den Opfern sexualisierter Gewalt, die zum allergrößten Teil weiblichen Geschlechts sind, sind die Täter fast ausschließlich männlich. Gut gemeinte Versuche hier koedukativ zu verfahren, um beispielsweise im Gegenzug die Empathie der Jungs zu fördern, sind in diesem höchst sensiblen Feld unbedingt zu vermeiden.

  • 5.
  • a) Das Programm soll wenn möglich im Klassenverband (alle Schülerinnen einer Klasse) angeboten und durchgeführt werden, damit die Schwelle zur Teilnahme für die Mädchen möglichst niedrig gehalten wird und auch solche Mädchen teilnehmen, die z.B. eher zurückhaltend agieren bzw. wenig Eigeninitiative zeigen und daher tendenziell zu jener Gruppe gehören, deren Gefährdung einer Viktimisierung für sexualisierte Gewalt besonders hoch ist.
  • b) Zu Beginn der Programmdurchführung, in der Lern- und Übungsphase, ist die Vermittlung neuer Inhalte unbedingt an einen geschützten Rahmen gebunden, der erst zum Abschluss, bei der Umsetzung erlernter Strategien im Tagesworkshop, zeitweise zu Gunsten einer größeren Realitätsnähe aufgelöst wird. Das betrifft den Klassenrahmen bei allen Programmbestandteilen wie auch das pädagogischen Personal, das beim Selbstbehauptungsteil mitwirkt. Wesentlich im Selbstbehauptungsteil ist, das die Möglichkeit besteht, sensible Problemstellungen und eigene Erfahrungen offen anzusprechen, um von hier aus Lösungsstrategien zu erarbeiten, die Probleme und Ängste aufgreifen, die die teilnehmenden Mädchen bewegen. Neben den Kursleiterinnen und max. einer weiteren Kursbetreuerin, die ebenfalls kontinuierlich als Ansprechpartnerin fungiert, können bei diesem Teil keine weiteren Gäste und ZuschauerInnen anwesend ein. Der Selbstverteidigungsteil wie auch der Tagesworkshop steht hingegen insbesondere dem pädagogischen Personal der jeweiligen Schulen und künftigen Kursleiterinnen zu Ausbildungszwecken offen.
  • c) Beim Abschlussworkshop des Mutige-Mädchen-Programms soll ein möglichst realitätsnahes Erproben des Gelernten und Geübten auch unter Stressbedingungen ermöglicht werden. Bei diesem Tagesworkshop, der in der Regel mit einer großen Zahl Mädchen von mehreren Schulen durchgeführt wird, ist der Zusammenhang des Klassenverbandes dann weitestgehend aufzulösen, damit der Schritt von der Vertrautheit der Übungspartnerinnen hin zu einer größeren Realitätsnähe in einem Kontext von Fremdheit erfolgen kann (hier werden z.B. auch Masken eingesetzt, um jeweils den Teil der Mädchen, die in die Täterrolle schlüpfen, zu anonymisieren).

  • 6.
  • a) Die Anleitung der Übungen liegt grundsätzlich und ausschließlich in weiblicher Hand, um den Mädchen gerade in diesem sensiblen Bereich ein entsprechendes Rollenvorbild zu geben: eine Frau, die trotz kräftemäßiger Unterlegenheit ihre Rechte und Bedürfnisse über ihre Körperpräsenz selbstbewusst geltend macht und sich so im Alltag, aber gerade auch in Krisensituationen behauptet. Das ist bei einem Großteil der Kursangebote, insbesondere jenen, die ausgehend von der Vermittlung von Kampfsport-Kompetenzen erfolgen, leider keineswegs eine Selbstverständlichkeit.
  • b) Die Mitwirkung von männlichen Trainern und die Hinzuziehung von männlichen Personenals realistische Angreifer kann im Mutige-Mädchen-Programm nur im Beisein der weiblichen Kursleitung erfolgen. Bei der Multiplikatorinnen-Schulung kann hingegen unabhängig vom Geschlecht auf akademisches Personal zurückgegriffen werden.
  • c) Die psychologische und sozialwissenschaftliche bzw. sozialpädagogische Expertise verfügt grundsätzlich über die Leitfunktion bei der Umsetzung des Programms. Kompetenzen, die insbesondere für Vermittlung von Verteidigungstechniken aus Kampfkunst und Kampfsport hinzugezogen werden, stehen unter Aufsicht des in den genannten Bereichen qualifizierten Personals.

  • 7. Das Themenfeld sexualisierte Gewalt birgt verschiedene inhaltliche Stolpersteine, mit denenwir uns sensibel und inhaltsadäquat auseinandersetzen müssen. So sollen die Mädchen einerseits ein Bewusstsein für bestehende Gefahren und Risiken entwickeln, damit sie ausreichend auf potenzielle Gefahrensituationen vorbereitet und auch motiviert sind, gewisse Schutzvorkehrungen zu treffen. Andererseits dürfen keine Ängste geschürt werden, denn sonst ist keine selbstbestimmte Partizipation in allen gesellschaftlichen Bereichen gewährleistet und es besteht die Gefahr, dass zwischenmenschliche Zuneigung negativ verknüpft wird. Die Waage zwischen einer notwendigen Gefahrensensibilisierung und einem hinreichenden Sicherheitsgefühl zu halten, ist Aufgabe eines jeden Programms zur Prävention sexualisierter Gewalt.

  • 8. Die Wirksamkeit des Präventionsprogramms ist auf Basis theoretischer Herleitungen und empirischer Ergebnisse durch einen umfassenden wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis im Hinblick auf Schultyp und Klassenstufe zu belegen. Zu diesem Zweck wurde das konkrete Vorgehen standardisiert und modularisiert (Übungsleitfaden), theoretisch hergeleitete Wirkpfade ausgeführt (Theoriebasierung) und operationalisierbare Ziele festgelegt. Die Studie findet seit 2013 in Kooperation mit der Universität Freiburg mit etwa 1000 Probandinnen in Südbaden statt.

  • 9. Die Stärkung der Selbstbehauptung geht im Rahmen des Programms einher mit einer Förderung von Solidarität, die Vereinzelung und Egoismus entgegensteuert und damit die Themenfelder „Mobbing“ und „Zivilcourage“ wesentlich mitumfasst. Bei diesen Feldern ist ein kooedukatives Zusammenwirken begrenzt auf einzelne “Schnittpunkt-Einheiten“ möglich, sofern dadurch die Grundkonzeption des Mutige-Mädchen-Programms nicht konterkariert wird. Optimal wäre die parallele Durchführung eines Programms speziell für Jungs – wie in der IIfGRahmenkonzeption “Stark gegen Gewalt“ vorgesehen –, bei dem moderierte Einheiten die Funktion erfüllen, dass beide Geschlechter mit jeweils vom anderen Geschlecht herausgearbeiteten Problemstellungen zur Überwindung von Vorurteilen und Ängsten konfrontiert werden.

  • 10. Das Mutige-Mädchen-Programm ist – wie den vorhergehenden Punkten leicht zu entnehmen – keinesfalls daraufhin konzipiert, sich als Kursangebot auf dem Markt der zuzahlungspflichtigen, fakultativen Nachmittagsangebote an Schulen zu etablieren. Vielmehr ist es das Bestreben der InitiatorInnen des Programms in Gestalt der beteiligten Behörden und Bildungseinrichtungen Mitstreiter zu gewinnen, die eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung der Implementierung spielen, indem sie z.B. die Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Mädchen modellhaft innerhalb ihres Wirkungskreises zur kontinuierlichen Einrichtung werden lassen.